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Filme aus der Nachbarschaft. Zwischen Boom und Rarität.

Die Granden sind ein Begriff: Miloš Forman (Oscars für „Einer flog über das Kuckucksnest“ und „Amadeus“), Jiří Menzel (Oscar für „Ostře sledované vlaky“/dt.: „Liebe nach Fahrplan“) oder Jan Svěrák (Oscar für „Die Ölfresser“). Oft sind sie aber noch Raritäten, die Produktionen für Film und Fernsehen unserer Nachbarn.

Raritäten aus Ungarn und Tschechien Manche durchdringen die sprachliche Barriere und gelangen Dank schöner Zufälle in unsere Blickwinkelwelt. Wenn man beim Surfen durch sonntägliches Nachtprogramm bei tragikomischen Szenarien hängen bleibt, in voyeuristischer Lust auf die biedermeierlichen Querelen für und wider den Kommunismus, ausgetragen in den Wohnzimmern der Familien Kraus und Sebek im Vorfeld des Prager Frühlings in Jan Hřebejk’s „ Pelíšky“ (dt.: „Kuschenester“). Oder wenn man A kőszívű ember fiai (dt.: „Die Söhne des Barons“), ein ausladendes filmhistorisches Geschichtsdrama auf einer DVD entdeckt, die dem Titel nach etwas anderes verspricht. Es beruht auf dem gleichnamigen Roman des großen ungarischen Märchenerzählers Jókai (Dr. Ásvay Jókai Maurice [1825-1904]) aus dem Jahre 1869. Der Vorspann des Films beginnt auch mit der Einblendung einer Porträtzeichnung des Autors. In 158 Minuten entfaltet sich die Geschichte des Ungarn-Aufstandes von 1848 gegen die Habsburger. Mittendrin die drei Brüder, die Söhne eines verstorbenen konservativen wie kaisertreuen Gutsherren und Leutnant. Einer ist Diplomat in St. Petersburg. Die beiden anderen befinden sich als Schreiber bzw. als Rittmeister im polizeistaatlichen Vormärzwien eines Fürsten Metternich. Die historische Fülle des Films von Regisseur Zoltan Várkonyi (1912-1979) ist ebenso beeindruckend wie die Liebe zum Detail, ein authentisches Abbild der Zeit zu zeichnen. Das reicht von der Rekonstruktion höfischer Tanzpraxis, über die Kleidermode der Zeit oder die Einbindung ereignisbegleitender Musik bis hin zur altwienerischen Spielkarte. Nachdem der osteuropäische Film wie in einem Überraschungsei auf mich kam war ich doppelt überrascht und berührt.

Boom alla Turca Einen großen Boom erlebt derzeit der Film, der Geschichten erzählt, die wohl anno dazumal die exotisierende Bezeichnung alla Turca mit sich getragen hätten. Das Milieudrama „Chiko“ um in die Hamburger Drogenszene schlitternde junge Burschen aus türkischen Einwandererfamilien von Regisseur Özgür Yildirim erhielt eine Auszeichnung für das beste Drehbuch beim Deutschen Filmpreis 2009. „Deine Schönheit ist nichts wert“ von Hüseyin Tabak, eine Geschichte um einen mit seiner Familie aus der Türkei nach Österreich geflohenen türkisch-kurdischen Jungen in Wien, räumte mit vier Auszeichnungen (Bester Film, Bestes Drehbuch, Beste Regie, Beste Musik) beim Österreichischen Filmpreis 2014 ab. Schnell ist man wieder geneigt. sich, wohl häufig der unreflektierten Einfachheit wegen, des Adjektivs türkisch bei der Beschreibung dieser Produktionen zu bedienen, das in diesem Zusammenhang wieder sehr nahe ans klischeebehafteten Vorurteil kommt. „Ich finde, Herrn Tabak als Türken zu bezeichnen, ist Rassismus kuschelweich. Seinen Film Deine Schönheit ist nichts wert als türkischen Film zu bezeichnen ist Rassismus hardcore“, nimmt sich der Autor Hasan Ali Ider („Djihad für Lila“, 2013) über die Berichterstattung kein Blatt vor den Mund. „Herr Tabak wurde in der BRD geboren und besitzt auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Sein Film spielt in Österreich, die Produktionsfirma sitzt in Wien. Nur weil die Handlung von sogenannten Ausländern dominiert wird, ist es doch kein türkischer Film. Das ist, wie wenn man behauptet, Schindlers Liste wäre ein jüdischer Film.“ Und er bedenkt: „Ausländer sind ein Teil der österreichischen Realität.“ Er bedauert, dass „solange die Medien Menschen wie Tabak nicht als ihresgleichen akzeptieren“, „die Forderung von Integration eine Verhöhnung der Leistung des Herrn Tabak“ wäre. Der erfolgreichste türkischsprachige Film, der 2013 in den österreichischen Kinos lief, war „Dügün Dernek-Der Hochzeitsverein“ von Selçuk Aydemir, eine Mischung aus Komödie und Road-Movie über drei Freunde, die sich an Ramadan auf den Weg zu einer Moschee begeben, da sie unvermittelt eine Hochzeit organisieren müssen, mit mehr als 40.000 Besuchern. In der UCI Kinowelt in der Milleniumcity  und im Hollywood Megaplex Gasometer  lief der vierte Teil des schon im dritten Teil 43.000 Zuschauer lockende „Recep Ivedik“ mit dem Komiker Şahan Gökbakar. Im ersten Teil findet Recep die Brieftasche eines reichen Unternehmers aus Antalya. Er beschließt, sie ihm zurückzubringen und auf seiner Fahrt dorthin passieren ihm in einem witzigen Roadmovie kuriose Dinge. Im zweiten Teil muss er durch drei von seiner Großmutter gestellte Aufgaben – Arbeit finden, Familie gründen und Respekt verdienen – um am Ende an das einzige Erbstück, eine geheimnisvolle Kiste zu gelangen. Im dritten Teil geht es, ausgehend von einem Wunderheiler (Hoca) um den Kampf gegen seine Depressionen. Im vierten Teil nun möchte Recep eine Gruppe von Kindern im Fußballspielen trainieren und das dafür notwendige Areal von einem Unternehmer erwerben. Hasan Ali Ider, der sich zur besseren Vermittlung „Türkische Filmtage in Programmkinos“ wünscht, empfiehlt den mehrfach ausgezeichneten Film “40qm Deutschland” aus dem Jahre 1985. „Es ist der erste Film eines Gastarbeiters, der in Deutschland spielt, bekam auch sehr viele Preise. Absolut sehenswert!“ Ider verweist dabei auf die essentielle Handlung: „Der Film erzählt vom Gefängnis der jungen türkischen Ehefrau, die ins gelobte Land kommt. Er zeigt das alltägliche Drama von Einwanderern, die ihre Codes und Kultur ins fremde Land mitnehmen und daran festhalten, als gelte es sich aufzulösen, nur weil man die Tür aufhält.”

Krugovi: Cineastisches Drama blickt auf Ex-Jugoslawien Der Amateurschauspieler und angehende Schwimmer Srđan Aleksić, Soldat in der Armee der bosnischen Serben, wurde 1993, keine 27 Jahre alt, von einer Gruppe anderer Soldaten aus der Armee getötet. Sie wollten einen mit ihm befreundeten Bošnjak, einen damals also bezeichneten slawischen Moslem, attackieren. Er warf sich beschützend dazwischen. Dieses wahre Ereignis vom 21. Jänner 1993, das sich am Marktplatz von Trebinje (Bosnien und Herzegowina) zutrug, inspirierte den serbischen Regisseur Srdan Golubović zu seinem in Serbien, Deutschland, Frankreich und Slowenien entstandenen Film Krugovi (engl.: Circles). Ausgangsszene ist der Tod des Soldaten Marko, der den vom serbischen Offizier Todor schikanierten muslimischen Kioskbesitzer Haris retten möchte. Zwölf Jahre später ist der Krieg vorbei und wirft noch immer lange Schatten auf alle Beteiligten. Sei es in Belgrad, wo Todor Markos Freund, dem Arzt Nebojša als schwerverletztes Unfallopfer auf dem OP-Tisch wieder begegnet, in Halle, wo Haris mittlerweile lebt und arbeitet oder in Trebinje, wo Markos Vater eine Kirche wieder aufbaut. Ob der Tod seines Sohnes umsonst gewesen sei, fragt sich Markos Vater, oder ob er Kreise ziehen kann, wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird. Der Vater von Srđan Aleksić war sich in seinem Nachruf auf seinen Sohn sicher, dass er sein Leben beim Ausüben seiner menschlichen Pflicht gegeben hat.

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