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Glosse: Die Leute lachen

Wollen Sie es auch einmal versuchen? – Der Mann sitzt mit dem Strick um den Hals im kunsthistorischen Museum in Wien. Ja, es war nur ein Versuch – aber der Moment davor ist es, der doch erheben soll. Ich fühle mich fremd. Die Leute lachen. Mir ist nicht danach zumute. Vielleicht ist das ja die Situationskomik. Es ist nichts danach, denn ein Erwachen aus einem traumlosen Schlaf. Und nun? Ist der drastischste Staatsstreich misslungen? Ich sehe die Violine spielen. Ich höre den braunen Stuhl zum Schafott knarzen. Lange halten sie es nicht aus, die Stille beim Betrachten des eigenen Bildes. Die Stille. Die länger dauert als jeder Ton. Diese Geräuschfolter zu durchbrechen, schicken sich vereinzelte Tousseure an. Wie in einer von kalten Lüfterln durchzogenen Kirche. Wir sitzen auf einer Bank vor irritierenden Kunstwerken, suchen nach dem Scheitern und wenden uns ab, aus Angst davor, irgendwo das eigene aufzudecken unter bigottem Lächeln einer Amateurreligion. Nein. Nüchtern verneint es der andere. Er würde es nicht versuchen wollen. Denn er würde sich erhängen. Die Leute lachen wieder und geben am Ende, ohne Moment des Sinnierens im Dunkeln, einen so gewaltigen Applaus, als ob sie froh wären, sich nach gut einhundert Minuten Bernhard endlich wieder bewegen zu dürfen.

(Aus dem Wiener Volkstheater vom 5.5.2016 | Stück: Thomas Bernhard, “Alte Meister”)

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