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Chopin goes U-Musik

In mir klingt ein Lied. Ein schwärmerischer Ohrwurm auf einen Text von Ernst Marischka (1893-1961). Das ist der Chopin, wie er klischeehaft im alten romantischen Tonfilm und in gerne zu dick aufgetragenen Romanzen verkitscht wurde. Kaum ein Stück eignete sich besser, emotionale Momente um ein Vielfaches zu steigern. Die Emotionalität ist ein, aber nicht der einzige Anknüpfungspunkt an Chopins Kunst in zeitgenössischer U-Musik. Im Stück Amies-ennemies (Nâdiya, 2006) der algerich-französischen R&B und Pop-Sängerin Nâdiya Zighem, unter ihren Fans als Nâdiya bekannt, wird Chopin zum Zentrum einer gemeinsamen Erinnerung. Seine Musik Kulisse vergangener kindlicher, jugendlicher Gemeinsamkeit. Fremde Existenz, von der man denkt. In unseren Herzen treiben sich die selben Ängste herum. Unsere Puppenkleider, alle unsere vergessenen Geheimnisse, etwas hat sie verändert. Nichts ist mehr wie vorher. Alles ist anders. Ganz sanft trennt uns die Zeit und sie verfliegt, sie verfliegt. Für einen Tag die Geschichte ändern: für einen Tag Freundinnen, für einen Tag Feindinnen sein. Freundinnen sein. Dem Pfad der Melodie nach. Freundinnen sein. Feindinnen sein. Manliebt sich, man verabscheut sich – ist es richtig oder falsch? Chopin! Spiel das Lied, damit wir unser Spiel spielen können! Dieselbe Unschuld, dieselbe Kindheit. Alles scheint uns für immer verbinden zu wollen. Aber zwanzig Jahre später. Alles trennt uns. Unsere Herzen blicken in entgegengesetzte Richtungen. Es bleibt nichts mehr, bis auf ein Stück von Chopin. Ganze Zartheit. Die Zeit trennt uns. Sie verfliegt. Sie verfliegt. Für einen Tag Freundinnen, für einen Tag Feindinnen sein. Für einen Tag die Geschichte ändern. Gegenwärtig trennt uns alles. Die Zeit verfliegt. Wie das bestechende Accelerando von Chopins Walzer (Op.64 Nr.2). 2006 landete das Album Nâdiya unter den Top-Five Alben von Frankreich und Belgien.

Chopin. Seine eigentümliche Nocturne Op.9 Nr.3, H-Dur. Ohne voreingenommen zu sein, könnte man diesem Stück bereits eine gewisse jazzige Note abgewinnen. Ist doch Chopins improvisatorische Komponierweise, gerade in den Nocturnes durch die filigrane melodische oder rhythmische Veränderung von Melodieteilen und Reprisen geprägt. Allein schon dadurch erinnert sie an die große Essent der Jazz-Musik. Dieser improvisatorische Kompositionsprozess ist auch mit der romantischen Persönlichkeit des Klaviervirtuosen und seiner Momentkunst vereinbar. Das vom polnischen Pianisten Andrzej Jagodziński gegründete Trio verschreibt sich gerade jener Schiene des Crossovers. In ihrem Album Chopin Metamorphosis, im Chopin-Jahr 1999 erschienen, näher sinch Andzej Jagodziński am Klavier, Adam Cegielski am Kontrabass und Czeslaw Bartkowski am Schlagzeug den jazzigen Klängen in Chopins Werken an. Nicht umgekehrt. Es ist verblüffend, zumal das Chopin’sche Originalthema – mit minimalen Veränderungen – die Basis der Jazzversion ausmacht. Chopin goes Jazz.

Seinem Lieblingskomponisten ein Denkmal setzt der junge chinesisch-taiwanesische Vertreter des R&B und Rap Jay Chou in seinem Album November’s Chopin aus dem Jahr 2005. Im darin enthaltenen Song Nocturne lehnt er sich an die chopinsche Nocturne-Melodik an und verknüpft sie mit der für ihn typischen Rhythmik sowie mit klassischem Klavierklang. Er erzählt darin die traurige Liebesgeschichte eines versetzten Liebhabers mit einem Hauch von I like Chopin. Ein interessantes Amalgam unterschiedlicher Stile, wofür Chou’s Kreativität, so bei der Kombination aus westlichen und chinesischen Einflüssen steht.

Das Salonambiente, umweht von stiller Verehrung, Schwärmerei und heimlicher Liebe, empfindet die russisch-amerikanische Universalkünstlerin Elizaveta Igorevna Khripounova mit ihrem großen Gespür für Poetisches im Titelsong ihres Albums Breakfast with Chopin (2006) nach. Es wirkt wie ein phantastisches Rendezvous mit ihrem Lieblingskomponisten: Schau, wie die Zeit an uns vorübergeht, sie kann uns nicht einmal sehen. In diesem alten Café, vor der erhellten Straße, wird uns die Menge nie finden. Wie ich hier sitze und dir zuhöre, wie du spielst. Und genau jetzt, mit einem Lachen und einem Handschlag beobachte ich, wie dein Herz bricht. Und Musik wird geboren – und irgendwie kommt es zwischen uns. Nicht einmal die Liebe kann uns sehen unter der Sonne, die ihr Spiel weiterspielt, weil sie weiß, da ist eine Sehnsucht in dir. Und ich werde hier neben dir stehen, wenn die Musik kommt. Gehen die Lichter aus, erfüllt die Magie den Raum und es wird meine Hand sein, welche die deine halten wird, wenn die Stille hereinbricht. Eine romantische Salonphantasie.

Nebst seiner Vorliebe für Chopin, ist es eine Jugenderinnerung, die der aus Florenz gebürtige Rocksänger Marco Masini im Stück Un piccolo Chopin aus seinem Erfolgsalbum T’innamorerai von 1993 verarbeitet. Seine Mutter, selbst eine begabte Pianistin und Sängerin, gab ihm den ersten Klavierunterricht. Schon früh bekam er sein erstes Klavier, wo er zusätzlich mit Bach, Chopin und Mozart in Berührung kam. Gleichzeitig mit der Musica Leggera, mit Rock und Pop sowie der italienischen Disco-Musik. Er arbeitete als Arrangeur und DJ für Discos in Modena, kam nach Flotenz zurück, um Komposition, Harmonielehre und Kontrapunkt zu studieren. Zwischendurch war er als Barpianist tätig, was ihm zu einem Zerwürfnis mit dem Vater führte, der wenig Verständnis für seine musikalischenVorlieben aufbrachte. Seit er seine Liebe zur Musik entdeckt hat, wohnt in ihm ein kleiner Chopin – un piccolo Chopin: Ich kaufe dir das Klavier, ich sage mir, wenn du mir versprichst, dass du übst. Ich bekomme es zu Weihnachten, sehe es und ih kann sofort spielen, wie ein kleiner Chopin. Nun bin ich erwachsen, mache meine Arbeit, aber, wenn ich nach Hause komme, und das ist mein Geheimnis, weiß niemand, dass in mir drinnen ein kleiner Chopin ist.

Ähnlich wie In mir klingt ein Lied, hat es das so genannten Fantaisie-Impromptu, ob seiner eindringlichen melodischen Gestalt, zu einer Zweit-Existenz als Jazz-Ballade geschafft. So mit Judy Garland und mit I’m always chasing rainbows. Im Film Ziegfeld Girl (1941).

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