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Sowjetmoderne im Netz

Die Materialen der Ausstellung „Sowjetmoderne 1955-1991“ im Architekturzentrum Wien  wurden aufgearbeitet, digitalisiert und gehen online. Ob historisch interessiert oder architekturaffin: Man kann man sich nun durch die Besonderheiten sowjetischer Baukultur klicken.

Im Fokus liegen vierzehn nichtrussische Republiken, die in die Regionen Baltikum (Estland, Lettland, Litauen), Osteuropa (Weißrussland, Moldawien, Ukraine), Kaukasus (Armenien, Aserbaidschan, Georgien) und Zentralasien (Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan) eingeteilt sind. Im Vorfeld bereisten Katharina Ritter vom Architekturzentrum Wien, die bildende Künstlerin Ekaterina Shapiro-Obermair und die Historikerin Alexandra Wachter viele dieser Länder, um sich die Objekte anzuschauen, sich dort mit Architekten zu treffen und in lokalen Archiven, so im kooperativen Schtschussew-Architekturmusem Moskau, zu forschen. Aus jedem Land wählten sie wichtige Projekte, um die Bauentwicklung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigen und vergleichen zu können. „Wir haben Typologien ausgesucht, die typisch sowjetisch sind und haben uns für fünf entschieden. Das sind: Gebäude der politischen Bildung, Hochzeitspaläste, Winterzirkusse, Märkte und freistehende Gebäude“, so Shapiro-Obermair, die, in Moskau geboren, seit 2004 in Wien lebt und arbeitet. Tatsächlich kann man auf der Internetseite nicht nur nach dem jeweiligen Ort sondern auch nach der Funktion des Bauwerks (z.B. Bankgebäude, Hotel oder Theater) suchen. Als Zusatzangaben finden sich neben Bildquellen etwa die Adresse, die Objektbezeichnung, ArchitektInnennamen, Baujahr oder Angaben darüber, ob das Projekt realisiert wurde oder nicht. Bemerkenswert ist, dass es um 1955 einen Bruch in der sowjetischen Architektur gab, der die Physis mancher Plätze drastisch prägen sollte: „Es wurde die Verordnung über die Beseitigung von Unmäßigkeiten in der Planung und im Bauwesen herausgegeben. Das heißt, die ganze Architektur wurde auf Funktionalität ausgerichtet. Sie wurde darauf ausgerichtet, soziale Probleme zu lösen, viel Wohnraum zu schaffen“, erklärt Alexandra Wachter. „Um diese Ziele möglichst effizient umsetzen zu können, war es nicht mehr erwünscht, jedes Gebäude individuell zu entwerfen, sondern es wurden so genannte Typenprojekte geplant. Es gab gewisse Gebäudetypen, bei denen hauptsächlich Typenentwürfe umgesetzt wurden wie Wohnbau, Schulen, Kinos usw. In diesem Fall waren individuell entworfene Projekte eigentlich nur dann gestattet, wenn es für diesen Ort oder für die Bedürfnisse kein passendes Typenmodell gab. Aber es gab genauso repräsentativere Bauten, die nicht nach Typenentwürfen umgesetzt wurden.“ Die eigene Entwicklung sowjetischer Baukultur zeigt sich für Katharina Ritter etwa im Wohnbau: „Während unter Stalin vor allem prunkvolle Wohnpaläste realisiert wurden, trat Chruschtschow mit der Devise an, die Wohnungsnot in den Griff zu bekommen, innerhalb von 20 Jahren jedem Sowjetbürger eine eigene Wohnung kostenlos zur Verfügung zu stellen. Dafür musste die gesamte Maschinerie auf Massenwohnbau und funktionalistisch ausgelegte Architektur umgestellt werden. In diesen Jahren ist auch die Umstellung von den Architekturakademien auf die Projektinstitute passiert. Das hat viel von der künstlerischen Seite der Architektur weggenommen.“ Dennoch möchte das Projekt „Sowjetmoderne 1955-1991“ zeigen, dass es selbst im Rahmen dieses engen Baukorsetts Besonderheiten gab, dass in den einzelnen Regionen sehr eigenständige Strömungen vorhanden waren: „Es gibt viele Klischees über sowjetische Architektur“, resümiert Shapiro-Obermair. „Es gibt sowohl die Klischees, die die Russen und die ehemaligen Sowjets selbst haben, als auch die Klischees, die von außen kommen. Beide sind ähnlich. Das ist eine Vorstellung, dass überall Plattenbauten stehen und natürlich stehen überall Plattenbauten. Das Ziel ist es, etwas zu zeigen, was darüber hinausgeht. Etwas, das man weder im Westen noch im Osten so kennt. Etwas Besonderes.“ Das ist auch das Online-Projekt, das die Datenbank und damit ein wertvolles Stück Zeitgeschichte erstmals für ForscherInnen und InteressentInnen weltweit zugänglich macht. Übrigens fand im Rahmen der Ausstellung der 19. Wiener Architekturkongress statt, dessen am 25.11. 2012 gezeichnete Petition sich für „den Erhalt, die fachgemäße Restauration und die Wiederherstellung der Bauten dieser Ära“ ausspricht, denn der „hohe kultureller Wert und die historische Bedeutung dieses Architekturerbes“ sei „ein unabdingbarer Teil der Weltkultur.“

Das Buch (zur Ausstellung) „Sowjetmoderne. 1944-1991/Unbekannte Geschichten“, herausgegeben vom Architekturzentrum Wien, wurde von den Kuratorinnen Katharina Ritter, Ekaterina Shapiro-Obermair, Alexandra Wachter zusammengestellt und mit einem Vorwort von Dietmar Steiner versehen. Auf 360 Seiten finden sich 634 farbige und 384 schwarzweiße Abbildungen in diesem Meilenstein der Architekturgeschichtsschreibung. ISBN 978-3-906027-13-5/ Preis: 48.00€

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