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“Andere tragen zu können, trägt mich”

Der Psychotherapeut Dr. Arnold Mettnitzer im Gespräch.

“Andere tragen zu können, trägt mich, anderen helfen zu können, hilft mir! Freilich ist das leichter gesagt als getan, denn es gibt im Leben immer wieder Momente, in denen ich mich selbst leichter ertrage als andere, hie und da aber ist es dann auch umgekehrt, da ertrage ich andere weit leichter als mich selbst…” 

Über seine Arbeit. 

“In helfenden Berufen ist die Erfahrung mit den eigenen Kernkompetenzen einem dynamischen Wechselspiel unterworfen. Einmal ist man ein Stümper, dann wieder ganz unerwartet ein Weltmeister, die meiste Zeit allerdings ist man irgendetwas dazwischen, darum lasse ich meine Kernkompetenzen lieber von den Menschen beurteilen, die mir täglich ihr Vertrauen schenken. Mit etwas Glück liegt sie im Bemühen, einen Menschen zu ermutigen und ihm dabei zu helfen, seine verloren gegangenen Kräfte wiederzufinden und erneut an seine Fähigkeiten zu glauben. 
Es ist ein wunderbar beglückendes Gefühl, in den Augen eines Menschen ablesen zu können, dass er wieder Boden unter seinen Füßen spürt und es mit ihm aufwärts geht.”

Über Burnout. 

“Die WHO hat den westlichen Industriestaaten für die nächsten Jahre den dramatischen Anstieg von Angststörungen und depressiven Erkrankungen vorhergesagt. Insofern sind psychische Belastungen und „Burnout“ weit mehr als Modeerkrankungen, sie sind ein alarmierendes Indiz dafür, dass etwas im menschlichen Miteinander durch zu große Einseitigkeit aus dem Gleichgewicht geraten ist. Eine dieser zu großen Einseitigkeiten hat wohl mit dem Umstand zu tun, dass wir im Zeitalter der Beschleunigung mit Maschinen arbeiten, die uns ursprünglich unsere Arbeit erleichtern sollten. Aber anstatt sich entlastet zurückzulehnen, lehnen sich viele Menschen vor, um mit der ihnen diktierten Geschwindigkeit Schritt halten zu können. In dieser Beschleunigungshysterie spielt irgendeinmal der Körper nicht mehr mit und zieht die Notbremse, als wollte er damit sagen: „Mach ruhig so weiter, aber ohne mich!“ Von alledem wird tatsächlich viel in den Medien berichtet. Und das ist auch gut so. Weit weniger allerdings höre ich dort von einer ähnlich bedrohlichen seelischen Belastung, dem „Boreout“, dem „Ausgebranntsein aus Langeweile“, wenn Menschen zu lange Dinge tun (müssen), die sie im Grunde nicht interessieren und die sie nur verrichten, um das tägliche Überleben zu sichern. Je weniger einem Menschen bei dem, was er tut, unter die Haut geht, je weniger Begeisterung er in seinem Alltag findet, desto gefährdeter wird sein seelisches Wohlbefinden und sein inneres Gleichgewicht sein.”

Über Wirtschaftlichen Wettbewerb und Weiterentwicklung. 

“Wettbewerb, der ja in sich betrachtet auch gesund sein könnte, wird in vielen Sparten des täglichen Lebens nicht als „Weiterentwicklung“, sondern nur als „Spezialisierung“ praktiziert. Diese Spezialisierung wird immer weiter getrieben zu etwas, das immer spezieller wird… Um in dieser „Spezialisierungsspirale“ erfolgreich zu sein, braucht man, wie uns Gehirnforscher versichern, nicht viel Hirn, weil immer nur wiederholt wird, was bis jetzt schon gut funktioniert hat. So werden Fachleute, die wissen, wie Erfolg funktioniert, zu Spezialisten und schlussendlich zu „Fachidioten“, die möglichst kurzfristig und erfolgsorientiert denken und sich dabei nur mehr darauf konzentrieren, im Wettbewerb auf Kosten anderer Siege einzufahren. Dass eine solche Grundhaltung nicht gesund sein kann und krank machen muss, liegt auf der Hand. 
Im Grunde bin ich ein optimistischer Mensch. Aber im Blick auf die großen nachhaltigen Krisen und auf Menschen, die dadurch in schwere Not geraten, sehe ich im Moment weltweit noch keine überzeugenden Lösungsansätze. 
Eher werden diese Krisen kleingeredet, als wären sie schnell vorüberziehende Schlechtwetterfronten, nach denen bald wieder die Sonne scheint. Wirtschaftliche „Rettungsaktionen“ hinterlassen so den beklemmenden Eindruck, das ganze Ausmaß der Katastrophe nicht sehen und den längst vorhandenen Flächenbrand durch das Ausschalten der Brandmelder löschen zu wollen. Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte in der Erkenntnis liegen, dass das Leben gerade dort gelingt, wo es nicht ausschließlichen nach persönlichem Vorteil schielt, sondern die beglückende Erfahrung macht, die Marie von Ebner Eschenbach in dem schönen Satz zusammenfasst: Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, geben uns den Halt im Leben.”

Was kann man für die eigene psychische Gesundheit tun? 

“Von Natur aus sind Menschen Beziehungswesen, „süchtig“ nach Begegnung, hungrig danach, von einem anderen Menschen wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden. Ein bewährtes Mittel, seelisch fit und gesund zu bleiben besteht daher darin, möglichst oft mit anderen Menschen zu reden, sich dabei über die brennenden Fragen des Lebens auszutauschen und sie nicht einfach mit ja oder nein zu beantworten. Die besten Antworten auf solche Fragen sind nicht Dogmen und Glaubenssätze, sondern vielmehr präziser gestellte Fragen. So kommen Menschen miteinander ins Gespräch und bleiben aneinander interessiert. So betrachtet hat seelische Gesundheit immer auch damit zu tun, dass in meinem Leben möglichst oft etwas passiert, das mich innerlich anrührt und begeistert, mir unter die Haut geht und mir das Gefühl gibt, dazuzugehören und diese Welt mit meinen Fähigkeiten mitgestalten zu können.”

Fazit.

“Je mehr einen Menschen kränkt, desto größer die Gefahr, dass er davon nicht nur seelisch, sondern auch körperlich krank wird.”

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